Einspruch, Herr Bundesrichter a.D.!

Der Jurist, ehemalige Bundesrichter und Kolumnist Thomas Fischer hat der „Ärztin für Allgemeinmedizin Dr. H. aus Gießen“ am vergangenen Samstag „Verwirrung“ attestiert. Sie stünde an der Spitze einer Kampagne, die „Ideologie statt Wahrheit“ verbreite, schrieb er. Die Forderung nach der Streichung von § 219a sei Unsinn. Hier antwortet Frau H. auf seinen Kommentar.

Foto: © picture alliance / Boris Roessle

Von Kristina Hänel, Gießen

Prof. Dr. Thomas Fischer provoziert gerne. Es würde sich nicht lohnen, auf einen reißerischen Artikel zu antworten, wäre Fischer nicht zugleich der Autor des zurzeit am meisten angewandten Strafrechtskommentars der Bundesrepublik. Lange Jahre als Tröndle/Fischer herausgegeben, schied der 1919 geborene Tröndle, ein fanatischer „Lebensschützer“ aus der Autorenschaft aus, so dass Fischer jetzt der Alleinherausgeber dieses auf die deutsche Rechtsprechung einflussreichen Werkes ist. Mit Erstaunen nehme ich zur Kenntnis, dass Fischer Jahrgang 1953 ist, damit trennen uns numerisch grade mal drei Jahre. Inhaltlich scheinen es mir mehrere Generationen zu sein. Und dazu kommt natürlich noch der Geschlechtsunterschied.

Herr Fischer beginnt damit, dass ich mich geopfert hätte und demonstrativ habe verurteilen lassen. In vielen Veranstaltungen muss ich denjenigen, die mich inzwischen als Heldin betrachten, entgegenhalten, dass ich mit der Anklage und folgenden Verurteilung nicht gerechnet hatte. Ich habe die Situation nicht provoziert, ich hatte ja schließlich meine Homepage vor 16 Jahren vom Justitiar der Ärztekammer Hessen prüfen lassen. Konnte also davon ausgehen, dass ich rechtmäßig handele, indem ich meine Informationen für Frauen ins Netz stelle. Ich habe sachlich und seriös informiert, wie mir sogar das Amtsgericht Gießen in der Urteilsbegründung attestiert. Zu fragen ist, was bewegt einen Herrn Fischer oder auch einen Robin Alexander in der Zeitung Die Welt, mir zu unterstellen, ich würde bewusst und liebend gerne in eine Opferrolle springen, um damit Macht auszuüben? Welches Frauenbild steckt dahinter? Fest steht, dass ich selbst nie eine Kampagne geführt habe, ich wurde durch die Kampagne der Abtreibungsgegner angegriffen. Was ich allerdings getan habe, ich habe mich dem Angriff gestellt und habe mich entschieden, mich nicht einschüchtern zu lassen, sondern den Skandal öffentlich zu machen. Ich habe begonnen, zu sprechen. Wenn Worte für manche Menschen bedrohlich werden, weil Schweigen verordnet ist, können natürlich auch Worte zur Waffe werden. Darum der Aufschrei derjenigen, denen der Status quo nützt. Die ihre Macht mit allen Mitteln, und seien sie noch so diffamierend, erhalten wollen. Inzwischen ist eine Bewegung entstanden, die auch einzelne ältere Herren nicht mehr werden aufhalten können.

Den eigentlichen Skandal lässt Herr Fischer unerwähnt. Der 219a führt seit Jahren zur Informationshoheit der sogenannten Abtreibungsgegner im Internet. Die Website mit dem unsäglichen Titel Babykaust, die alle Adressen von Ärztinnen und Ärzten, die Abbrüche durchführen, ins Netz stellt, wird mit keinem Wort erwähnt. Der die Leiden der Opfer des Holocaust verhöhnende Auschwitzvergleich interessiert Herrn Fischer nicht. Ebenso wenig glaubt er anscheinend, dass Frauen leiden. Die Tatsache, dass „keine Frau sich die Entscheidung leicht mache“, nennt er eine Behauptung und diese ist seiner Ansicht nach leider falsch. Heißt das, er findet, Frauen machen sich die Entscheidung leicht? Woher will er das wissen? Ebenso ist es seiner Meinung nach leicht, an Adressen zu kommen. Man brauche bloß den Hausarzt fragen.

Für Herrn Fischer ist es keine Tatsache, sondern angeblich Stimmungsmache, dass viele Ärzte keine Adressen weitergeben, ebenso wie Beratungsstellen dies teilweise auch nicht tun. Dass Frauen wieder vermehrt ins Ausland fahren, weil immer weniger Ärztinnen und Ärzte Abbrüche in ihrem Leistungsspektrum anbieten. Dass es für mich wie Hohn klingt, wenn behauptet wird, ich würde für Abbrüche in meiner Praxis werben, nur weil ich möchte, dass Frauen sich vor dem Eingriff über die Risiken, mögliche Komplikationen und Kontraindikationen informieren. Ich brauche keine Werbung, da ohnehin die meisten Frauen aus dem Umland zu mir kommen, weil sie keine andere Anlaufstelle mehr haben. Frau weiß sehr genau, was sie tut, wenn sie zum Abbruch zu mir kommt. Frauen wissen, was gut für sie und ihre Kinder ist. Sie entscheiden sich für den richtigen Weg. Deutschland steht einzig in Europa mit dem sogenannten Werbeparagrafen, der Information verbietet. In Frankreich beispielsweise wurde die Bedenkzeit abgeschafft, es gibt öffentliche Informationen zum Abbruch, der eine Kassenleistung ist.

Nicht immer finde ich die übliche Trockenheit und Sachlichkeit der Justiz erstrebenswert. Im Falle Fischer hätte ich mir genau das gewünscht.


Gerade erschienen: Vogelsang, Andrea [Hänel, Kristina] (2018 [1994]): Die Höhle der Löwin: Geschichten einer Ärztin über Abtreibung. Um ein Nachwort erw. Neuaufl. der Erstausgabe. Sulzbach/Taunus: Ulrike Helmer Verlag.

7 thoughts on “Einspruch, Herr Bundesrichter a.D.!

  1. Diese so genannten Lebensschützer sollten mal ihr heiligen Bücher beiseite legen und ihre rechten Schläfenlappen von einem Neuro-Theologen therapieren lassen, damit sie wieder frei von Religion und Aberglaube denken und handeln können.
    Dieter Kaiser, Konstanz

  2. Wenn ich so etwas, wie von Herrn Fischer und der Zeit, höre und lese, bekomme ich spontan Schnappatmung. In welchem Jahrhundert leben wir denn?

  3. Unglaublich, was Herr Fischer als Mann und Bundesrichter a. D. für Ansichten hat und von sich gibt. Ich denke, dass wir in unserem Land und unserer Kultur keine muslimischen Denkweisen und Vorschriften einführen sollten. Frauen sind Menschen und keine minderwertigen Objekte. Vielleicht könnte Herr Fischer einmal darüber nachdenken, dass er auch als “ Frau Fischer “ sein Leben hätte fristen müssen, wenn ihm der Zufall bei der Zeugung ein andres Geschlecht zugeteilt hätte.

  4. Wir leben in einer Zeit, des wieder erstarkenden Faschismus; denn der Weg den die sogenannten Rechtspopulisten beschreiten, wird meiner Meinung nach unweigerlich zu faschistischen Verhältnissen führen.
    AfD und co. haben faschistoide Aussagen wieder gesellschaftsfähig gemacht. Wem dies nützt ??
    Vereinfacht gesagt dem Kapital.
    Der kalte Krieg z.B. zieht sich bis in die heutige Zeit.
    Die Angst vor den Kommunisten,(die nehmen uns unser Vermögen ab) ist immer noch so groß, dass wir lieber rechts von der Mitte wählen… oder wir wählen nicht.
    Aber links von der Mitte..?????

    Die Zeit ist ein neoliberales Blatt geworden. Ihre Gründer*innen wären entsetzt.

    Fast alle Politischen Parteien machen mit.

    Und all dies hat zur Folge, dass unseren hart erkämpfte Frauenrechte, das Recht auf Abtreibung ist ja nur ein Teil davon, ausgehebelt werden, werden sollen.

    Die Rechte von uns Allen Männern wie Frauen werden abgeschafft oder aufgeweicht.

    Dem 8 Stundentag, der 40 Stunden Woche geht es an den Kragen

    Die Lohnnebenkosten, die Rente, der Mutterschutz, der soziale Wohnungsbau, der Sozialstaat..und und und wurden schon abgeschafft, oder verkürzt.

    Keine Steuern für Reiche, Korruption und Geldverschwendung, greifen immer mehr um sich.
    Firmen fordern heute schon Entschädigungen für entgangene Gewinne.
    Wir haben schon längst TTIP und co.

    Niemand weiss mehr um die Rolle der Reichen und Mächtigen im Nazi Deutschland.
    Das Reich zerfiel ..die Reichen blieben.

    Für diese Männer haben wir Frauen schon viel zu viele Privilegien.
    Bilden uns womöglich ein, wir seien vollwertige Menschen.

    Ein Bundesrichter, also ein Mann mit sehr viel Macht.
    Ein Mann mit solchen Ansichten, und in einer solch hohen Position, was erwartet uns dann als nächstes??

    Wieder die Einführung der ehelichen Pflichterfüllung??
    Die Entfernung der Vergewaltigung in der Ehe aus dem Strafgesetzbuch ??

    Männer dürfen wieder ECHTE Männer sein.

    Haben wir Angst vor der Freiheit ??

    Warum gehen wir nicht in einen Generalstreik..warum blockieren wir nicht die Straßen…..besetzen die Züge..auf nach Berlin… vor den Bundestag…

    Was uns Allen nicht bewusst ist, die Staatsdiener werden von uns bezahlt,
    Unsere Regierung..also unsere Angestellten, die einzigen die sich ihre Gehälter selbst erhöhen.

    Volksentscheide werden nicht umsonst seit Jahren blockiert.

    Ja ich weiss, wieder viel zuviel; dennoch diese Entwicklungen haben alle miteinander zu tun.

    Und sind dennoch nicht Alle hier beschrieben.

    Wir MÜSSEN uns wehren und zwar jetzt

  5. Scheinbar gibt es besonders viele männliche Abstreibungsgegner. Macht Sinn, sie werden ja niemals in die Situation der Frauen kommen und können so ganz locker verurteilen. Ich finde bei dem Thema sollten die Männer einfach mal den Mund zu halten.

  6. Danke für die Klarstellungen, Frau Dr. Hänel!

    Diese Ärztin hat meinen Respekt für ihren Mut und ihre Konsequenz.

    Als Journalist erschreckt es mich immer wieder aufs Neue, wie manche in der Branche (gleichermaßen Verantwortliche wie Untergebene …) mit Fakten umgehen und Interessen vertreten anstatt in erster Linie zu berichten (= informieren).

    Der Unterschied zwischen Information und Werbung mag bisweilen fließend sein und freilich kann Berichterstattung als solche bereits Werbung bedeuten (siehe etwa regelmäßig im Sport) – Information aber zu verhindern durch ein (verkapptes) Werbeverbot, wird der Bedeutung der Angelegenheit (vor allem, aber keineswegs nur für Frauen) alles andere als gerecht!

    Und es hat, so fürchte ich, ganz banale egoistische Gründe, die Toleranz und Verständnis für die Lage Andersdenkender vermissen lassen!

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