Volker Beck sendet auch 2017 wieder ein Grußwort an den „Marsch für das Leben“

Am 16. September 2017 findet in Berlin wieder der sogenannte „Marsch für das Leben“ statt. Der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck wurde wieder für ein Grußwort angefragt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie haben mich eingeladen, Ihren sogenannten „Marsch für das Leben“ zu unterstützen. Vielen Dank für Ihr Schreiben.

Ich werde an Ihrem Marsch – wie auch in den vergangen Jahren – nicht teilnehmen, sende Ihnen aber gern dieses Grußwort verbunden mit der Unterstützung für die Anliegen  des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung und einem klarem Bekenntnis zur Würde und zum Recht auf Leben eines jeden Menschen.

Menschliches Leben vor Angriffen im Namen von Nützlichkeitsüberlegungen schützen ist wichtig, gerade wenn wir über PID oder Sterbehilfe diskutieren. Jeder Mensch ist gleich wertvoll, hat gleiche Würde und gleiche Rechte und jedes Leben den gleichen Anspruch auf Schutz. Ich setze mich daher ein für die Rechte von Sterbenden, von Schwangeren und von Kindern – an der Seite von zahlreichen Feminist*innen, die gegen Ihren Marsch auf die Straße gehen werden.

Diese Feminist*innen haben übrigens weitaus bessere Konzepte, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern und die Anzahl von Schwangerschaftsabbrüche zu verringern, als Sie: Altersgerechte Sexualaufklärung kann ungewollte Schwangerschaften von Teenagern verhindern. Es braucht Beratungsangebote für Schwangere, die helfen, auch in schwierigen Situationen die individuell richtige Entscheidung zu treffen. Gute und wichtige Arbeit leisten da donum vitae wie Pro Familia, ein Verband, den Ihre Vorsitzende Alexandra Linder abgeschafft sehen will.

Es ist ein Irrweg zu glauben, Schwangeren das Selbstbestimmungsrecht zu nehmen und den Abtreibungsparagraphen im Strafgesetzbuch zu verschärfen, würde zu weniger Schwangerschaftsabbrüchen führen. Ihr Aufruf ist da paradox: Wenn Sie wirklich die Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen reduzieren wollten, müssten Sie sich für ganz andere Belange einsetzen und Schwangere und das Leben mit Kindern unterstützen. Warum streiten Sie nicht für kostenlose Verhütungsmittel und für mehr Sexualaufklärung? Warum nicht für bessere Betreuungsangebote für Kinder? Warum nicht für eine Kindergrundsicherung? Oder für finanzielle Hilfen, die Alleinerziehenden das Leben leichter machen? Wo bleibt Ihr Einsatz für eine flächendeckende Versorgung von Hebammen?  Wo Ihr Einsatz gegen Gewalt in der Geburtshilfe?

Auch wenn Sie inzwischen gefälliger formulieren:  Das Wort und Thema Verhütung wird bei Ihnen  völlig ausgespart, ist es doch aber das entscheidende Instrument gegen ungewollte Schwangerschaften und Abtreibungen. Damit nähren Sie den Verdacht, es ginge Ihnen weniger um das Leben als um Fremdbestimmung und eine rigidere Sexualmoral, um die Einschränkung der Rechte von Schwangeren und mehr Strafrecht. Viele ihrer jährlichen Demonstrationsteilnehmer*innen kämpfen gegen Geschlechtergerechtigkeit, gegen Selbstbestimmung und gegen Respekt. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Mehr Unterstützung für Mütter und Schwangere statt mehr Strafrecht. Das ungeborene Leben können Sie nur mit der Schwangeren schützen und niemals gegen sie. Alles Andere verschärft nur Konflikte und will Frauen fremd bestimmen.

Schaut man sich die Teilnehmer*innen der letzten Jahre an, kann man nur sagen: Da wächst zusammen, was mit Menschen, denen der Respekt des menschlichen Lebens ein Anliegen ist, nicht zusammen gehört: AfD, christlicher Fundamentalismus, Homosexuellenfeindlichkeit, Menschen, die die Shoa verharmlosen, in dem sie von „Babycaust“ fabulieren.

Ich hoffe, dass die katholischen Bischöfe trotz aller rhetorischer Camouflage auf Teilnehmerspektrum und Argumentationsweise künftig ein Auge haben und das wichtige Anliegen des Schutzes menschlichen Lebens durch Unterstützung einer solch problematischen Veranstaltung nicht in Misskredit bringen.

Und auch abseits von der zweifelhaften Gesellschaft, in der Sie sich befinden: Es bleibt hartherzig und unchristlich, ungewollt Schwangeren ihre Entscheidungsautonomie abzusprechen. Sie geben sich das Motto „Die Schwächsten schützen“ und vergessen, dass auch ungewollt Schwangere Anspruch auf Schutz und Selbstbestimmung haben. Niemand kann sich in eine andere Person hineinversetzen und beurteilen, was eine Schwangerschaft für sie bedeutet. Ich mache mich stark für christliches Mitgefühl, für Nächstenliebe, für Solidarität, nicht für die Kriminalisierung von Schwangeren in schwierigen Situationen.

Ich werde Ihrer Demo fernbleiben und unterstütze lieber die Homolobby: Am Wochenende werde ich auf der Belgrade Pride sein. Ich wünsche dem Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, das gegen einen Missbrauch des Lebensschutzes durch Ihre Veranstaltung auf die Straße geht, viel Erfolg.

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