Geflüchtete und die sexuelle und reproduktive Gesundheit

Der folgende Beitrag entstand im Rahmen der Konferenz »Mein Körper – meine Verantwortung – meine Entscheidung: Weg mit § 218!«, welche am 9./10. Juli 2016 in Berlin stattfand. Es handelt sich dabei um ein Vortragsmanuskript der von Hazal Atay, Aktivistin bei Women on Waves.

Eine wachsende Anzahl Geflüchteter hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland niedergelassen. Viele entwurzelte Menschen suchen in Europa Asyl, wobei Deutschland mit 476.000 Personen die höchste Anzahl Asylbewerber im Jahr 2015 verzeichnete. Deutsche Behörden behaupten jedoch, dass über eine Million durch das System „Erstverteilung der Asylbegehren“ (EASY) erfasst wurden. EASY zählt und verteilt die Leute, ehe sie Asyl beantragen (Global Migration Data Analysis Centre, 2016).

Während sich die Diskussion hauptsächlich auf die Frage konzentrierte, ob und wie den Asylsuchenden ein Flüchtlingsstatus gewährt werden kann, brauchen wir aber Antworten, welche Dienste den Geflüchteten angeboten werden sollten.

Üblicherweise werden in Kriegs- und Krisengebieten Frauenrechte als Allererstes ignoriert und die Gewährung dieser Rechte wird auf irgendeinen späteren Zeitpunkt verschoben. Bekannt ist auch, dass die Erfahrungen von Frauen mit Krieg und Konflikten ebenso wie mit Zuwanderung sich von denen anderer unterscheiden. Historisch betrachtet wurden sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung als Kriegs- und Beherrschungswaffe eingesetzt. Wenn wir also über Einwanderung sprechen, müssen wir dies unter dem Aspekt der Geschlechterfrage tun, um unser Verständnis von der Krise zu erweitern. In diesem Zusammenhang sind Dienstleistungen zur Förderung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit von höchster Bedeutung.

Laut den Allgemeinen Bemerkungen 22 (General Comments, GC) zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit (Artikel 12 Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, IPWSK) sollten „medizinische Grunddienste zur Verfügung stehen, wozu auch ein breites Angebot von Verhütungsmitteln wie Kondomen gehört, eine Notfallverhütung wie die Pille danach, medizinische Versorgung bei Schwangerschaftsabbruch und medizinische Nachsorge, einschließlich medizinischen Mitteln zur Verhinderung und Behandlung sexuell übertragbarer Krankheiten wie HIV“.

Da wir von Women on Waves in der Türkei bereits Erfahrung mit einem eingeschränkten Zugang zu einem Schwangerschaftsabbruch haben, haben wir versucht, in der Türkei lebende Frauen der syrischen Gemeinde zu erreichen. Viele syrische Frauen leben in Armut und haben weder Zugang zu Verhütungsmitteln noch zu einem die Gesundheit nicht gefährdenden Schwangerschaftsabbruch. Ein ausführlicher Bericht über unsere Aktivitäten findet sich hier: https://www.womenonwaves.org/en/page/5947/outreach-to-syrian-refugee-community-and-women-in-turkey

Ähnliche Aktivitäten haben wir in Deutschland entfaltet, wobei wir dringend die Unterstützung der Behörden und von Frauengruppen und Nichtregierungsorganisationen benötigen, die in demselben Bereich arbeiten.

Überblicksweise benennen wir hier einige der unzähligen Hindernisse, denen geflüchtete Frauen begegnen, die Zugang zu Dienstleistungen der sexuellen und reproduktiven Gesundheit benötigen:

Fehlende Informationen, fehlender Zugang: Geflüchtetengemeinschaften sind selten informiert über ihre speziellen Rechte bezüglich sexueller und reproduktiver Gesundheit. Deshalb wissen die meisten bedürftigen Frauen nichts über vorhandene Angebote und wo sie sie finden können.

Sprachhürde: Da das Erlernen einer Sprache Zeit braucht, können sich daraus diverse Kommunikationsprobleme ergeben. Viele bedürftige Frauen können mit den Beamten nicht über „intime“ Fragen wie sexuelle und reproduktive Gesundheit sprechen.

Bürokratisierung: Der hohe bürokratische Aufwand kann dazu führen, dass Frauen keine Hilfe in Anspruch nehmen. Selbst in Fällen, in denen Frauen bestimmte Angebote gemacht werden, ist der Ablauf nicht praktikabel. Außerdem ist es auch wichtig, sich daran zu erinnern, dass es Geflüchtete ohne Status oder Ausweispapiere gibt und sie deshalb keine offiziellen Stellen aufsuchen können.

Einige Vorschläge:

Informationsveranstaltungen: Veranstaltungen, die umfassende Informationen über die Rechte geflüchteter Frauen auf sexuelle und reproduktive Gesundheit anbieten.

Ansprechpartnerinnen: Ansprechpartnerinnen können benannt werden für Notfälle, insbesondere in Bezug auf Angelegenheiten sexueller und reproduktiver Gesundheit.

Zugängliche Dienstleistungen: Dienstleistungen und Informationen müssen leichter zugänglich und besser auf Geflüchtete und Frauen zugeschnitten sein.

Aufgabenteilung zwischen Frauengruppen/NGOs: Mit Blick auf Integration und Solidarität sollten Frauengruppen und NGOs, die in diesem Bereich arbeiten, an der Bereitstellung von Informationen und Dienstleistungen teilnehmen.

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