Die Vorgehensweisen und Strategien von Abtreibungsgegnern

9783940865328_mlVorweg wollen wir euch auf ein Ende 2012 erschienenes Buch zum Thema radikale Abtreibungsgegner aufmerksam machen:

Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter)nationalen Raum

Verlag AG SPAK, ISBN 978-3-940865-32-8

Das Buch befasst sich mit Fragen wie die nach der sexuellen Selbstbestimmung von Frauen weltweit und ob diese in Gefahr ist, etwa durch radikale Abtreibungsgegner, die u.a. sowohl in Europa als auch in Nord- und Südamerika aktiv sind.

Verschiedene Autor*innen analysieren Aspekte der Einflussnahmen von radikalen Abtreibungsgegner und zeigen auf, wie sich Aktivist*innen und betroffene Berufsgruppen dagegen zur Wehr setzen. Das Buch enthält Beiträge von Kirsten Achtelik, Karin Bergdoll, Jutta Ditfurth, Christian Fiala, Carsten Frerk, Judith Goetz, Dagmar Herzog, Hartwig Hohnsbein, Ulli Jentsch, Isabel Merchan, Gisela Notz, Eike Sanders, Ines P. Scheibe, Sybill Schulz, Anne Thiemann.

Im Folgenden zeigen wir auf, welche Vorgehensweisen und Strategien Abtreibungsgegner nutzen, um ihre frauen- und menschenfeindlichen Ansichten durchzusetzen. Viele Beispiele aus den USA, Österreich und mittlerweile auch Deutschland zeigen, wie Abtreibungsgegner versuchen, den Zugang zu legalen Abtreibungen unmöglich zu machen.

EINSCHÜCHTERUNG UND BELÄSTIGUNG

Ärzt*innen, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten, erfahren immer mehr Einschüchterung, Belästigung und Gewalttätigkeit bei der Ausführung ihrer Arbeit. Zudem versuchen Abtreibungsgegner die Entscheidung von Frauen, die eine Klinik betreten wollen mit manipulierten Informationen emotional zu erschweren.

Es handelt sich hierbei um Belagerungen, Sprengstoffanschläge, Verleumdungskampagnen, Brandstiftungen, Morddrohungen, Verwüstungen von Kliniken und sogar Ermordungen, wie im Sommer 2009 der Mord an Dr. George Tiller in den USA zeigte. Diese Drohungen und Belästigungen beziehen oft die Wohnsitze und Familien der Ärzt*innen mit ein. Leider erfahren diese Ärzt*innen und Kliniken oft nicht den Schutz, den sie benötigen, da Staat und Polizei selbst unter den Einfluss der Stigmatisierung von Abtreibungen stehen.

Infolgedessen müssen Kliniken zeitlich und finanziell viel darin investieren, um ihr Personal und ihre Patienten zu schützen. Das  hat Kliniken bereits oft zum Schließen gezwungen. In den USA waren Abtreibungsgegner bereits so erfolgreich, dass es in 87 Prozent aller Landkreise keinen Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen mehr gibt, da Ärzt*innen diese nicht mehr anbieten wollen oder können.

JURISTISCHE KLAGEN

Leider erschweren viele Regierungen die Tätigkeit der Ärzt_innen, die sich für die Verwirklichung reproduktiver Rechte einsetzen und es gibt viele diskriminierende Beschränkungen, die Ärzt_innen die Ausübung ihres Berufs erschweren. Dazu gehören vorgeschriebene Verzögerungen und erzwungene und beeinflussende Beratung. Für Frauen, die wenig Einkommen haben und aufgrund ihres Wohnsitzes weit reisen müssen, um erforderliche Maßnahmen zu treffen wirkt sich dies am schlimmsten aus.

Solche Regelungen können von Abtreibungsgegnern, vor allem, wenn sie in entsprechenden Positionen sind benutzt werden Ärzt*innen und Frauen weiteren Lappalien auszusetzen. In den USA z.B. werden oft willkürliche Anforderungen an Kliniken und Ärzt*innen gestellt, die in keinem Verhältnis zu der medizinischen Notwendigkeit stehen, eine bedeutende zeitliche und finanzielle Belastung darstellen und bereits viele Kliniken in den Ruin getrieben haben.

In Deutschland kommt erschwerend hinzu, dass der Schwangerschaftsabbruch immer noch als illegal gilt und es Ärzt*innen somit erschwert wird, darauf hinzuweisen, dass sie diese Anbieten. Diese Ärzt*innen müssen mit willkürlichen juristischen Klagen von Abtreibungsgegnern kämpfen, die ihnen vorwerfen für Abbrüche zu „werben“, nur weil sie dieses Angebot auf ihren Webseite erwähnen.

STIGMATISIERUNG

Diese Stigmatisierung von Abbrüchen legitimiert Belästigung und Einschüchterung und bringt auch andere staatliche und gesundheitliche Institutionen dazu, Ärzt*innen, die Abtreibungen durchführen, nicht zu unterstützen und Schwangerschaftsabbrüche nicht als normalen Bestandteil der Gynäkologie anzubieten. Viele Kliniken und Krankenhäuser, auch in Berlin, weigern sich, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen, wenn eine Frau dies will. Die negative Haltung des medizinischen Personals trägt zu den negativen Erfahrungen einer Frau bei einer Abtreibung bei. Zudem machen Abtreibungsgegner vermehrt Lobbyarbeit bei Politikern, denen es attraktiv und einfach erscheint, sich mit alleinigem Fokus auf den Embryo als „Lebensschützer“ zu inszenieren.

MEHR ZUM THEMA

taz-Interview (18. September 2012): „Mit Faschisten verglichen“

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