Resolution des Netzwerkes Sexuelle Selbstbestimmung

Für Entscheidungsfreiheit der Frauen über ihren Körper und ihre Lebensplanung

Veröffentlicht anlässlich des Frauentages am 8. März 2013.

Wir fordern für Deutschland:

  • Flächendeckende geschlechter-und kultursensible Sexualaufklärung
  • Information und Zugang zu Verhütung für alle – Verhütungsmittel auf Krankenschein
  • Rezeptfreie Vergabe der „Pille danach“
  • Uneingeschränkter Zugang zum legalen Schwangerschaftsabbruch
  • Wirksame Maßnahmen der Regierung gegen sexuelle Ausbeutung und Gewalt an Frauen und Kindern.

Aus Anlass des Internationalen Frauentages am 8. März 2013 wollen wir, das Netzwerk Sexuelle Selbstbestimmung, auf aktuelle, Mädchen und Frauen betreffende Entwicklungen und Debatten eingehen und Forderungen zur Verbesserung von deren Lebenssituation stellen. Dem Netzwerk Sexuelle Selbstbestimmung gehören verschiedene Organisationen an, die sich u.a. mit Frauenrechten auseinandersetzen: der Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft (AKF e.V.), der Humanistische Verband Deutschland/Landesverband Berlin-Brandenburg (HVD), das Familienplanungszentrum – BALANCE sowie aktive Einzelpersonen.

Schockiert haben wir im Dezember 2012 über den Tod der jungen indischen Studentin „Amanat“ in Folge einer brutalen Gruppenvergewaltigung gelesen. Tausende sind daraufhin auf die Straße gegangen, um gegen die weltweit verbreitete sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen zu protestieren. Täglich erleben Mädchen und Frauen sexuelle Gewalt und Belästigungen. In Deutschland haben rund 25 Prozent der hier lebenden Frauen körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erlebt.

Wir, das Netzwerk Sexuelle Selbstbestimmung, fordern einen besseren Schutz von Mädchen und Frauen vor sexueller Gewalt und die Unterstützung der Opfer. Dazu gehört auch die rezeptfreie Vergabe der „Pille danach“. Die Ablehnung einer solchen Unterstützung wie in den bekannt gewordenen Fällen in den beiden Kölner Krankenhäusern, ist aus unserer Sicht eine Herabwürdigung und Missachtung des Opfers. Der Zugang zur „Pille danach“ muss in Deutschland erleichtert werden. Aktuell erschweren die Rezeptpflicht und die Weigerung von Kliniken, im Bereitschaftsdienst die entsprechenden Rezepte auszustellen, den Zugang.

Für uns gehört die Möglichkeit, die „Pille danach“ ohne Barrieren zu erhalten, zu den Rechten auf sexuelle Selbstbestimmung und Familienplanung. Bereits in 17 europäischen Ländern und in den USA ist die „Pille danach“ rezeptfrei – ohne notwendigen Besuch einer gynäkologischen Praxis -zu erhalten. Wir fordern diese Vergabepraxis auch für Deutschland, um Mädchen und Frauen unnötige Wartezeiten zu ersparen und ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. Jeder Frau soll das Recht auf Verhütung, auf Aufklärung über ihre Rechte und der Zugang zu Verhütungsmitteln, unabhängig vom sozialen Status, gewährt werden.

Zu den sexuellen und reproduktiven Rechten zählt gleichermaßen das Recht auf freie Entscheidung über das Austragen bzw. Nicht-Austragen einer Schwangerschaft. Bereits im September 2009 haben wir anlässlich der Schweigemärsche, die durch selbst ernannte „Lebensschützer“ initiiert wurden, zu einem Bündnis für Entscheidungsfreiheit der Frauen über ihren Körper und ihre Lebensplanung aufgerufen. Wir erleben seit einiger Zeit ein gesellschaftliches „Roll back“, dessen Folge eine erneute Tabuisierung von Schwangerschaftsabbrüchen ist und das eine gesellschaftliche Atmosphäre schafft, die zunehmend von Positionen radikaler Abtreibungsgegner und von fundamentalistisch, christlich und national gesinnten Kräften geprägt ist.

Diese Gruppen stellen die in den 1990er Jahren erreichten Kompromisse hinsichtlich der reproduktiven Gesundheit von Frauen massiv in Frage. Da es kein perfektes Verhütungsverhalten gibt, müssen Frauen beim Eintreten ungewollter Schwangerschaften ohne bürokratische Hürden und ohne Bevormundung entscheiden können, ob sie eine Schwangerschaft austragen wollen oder einen Schwangerschaftsabbruch vorziehen.

Die Verortung des §218 im Strafgesetzbuch und die seit 1993 geltende Pflichtberatung vor einem Schwangerschaftsabbruch stellen eine Diskriminierung von Frauen dar, die wir ablehnen. Jede Beratung muss qualifiziert und freiwillig sein, sonst ist sie keine Beratung.

Als Reaktion auf das Buch „Die neue Radikalität der Abtreibungsgegner_innen im (inter)nationalen Raum“, herausgegeben vom Familienplanungszentrum – BALANCE in Kooperation mit dem Netzwerk Sexuelle Selbstbestimmung, kam es zu massiven Diffamierungen und Angriffen radikaler Abtreibungsgegner.

Die US-amerikanische Wissenschaftlerin Dagmar Herzog spricht von einem „Krieg gegen die Frauen und ihre sexuelle Selbstbestimmung“, den sie nicht nur in den USA beobachtet. Um diesen „Krieg“ zu stoppen, wollen wir uns mit anderen Organisationen und Interessierten zusammenschließen und rufen daher auf, dass diese sich dieser Resolution und unseren Forderungen anzuschließen.

Nähere Informationen erhalten Sie über das Netzwerk Sexuelle Selbstbestimmung. Koordination: Familienplanungszentrum – BALANCE Fon: 030/ 236 236 841 oder merchan@fpz-berlin.de 

Sybill Schulz, Geschäftsführerin Familienplanungszentrum – BALANCE

Karin Bergdoll und Dr. Gisela Notz, Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft AKF

Dr. Ines Scheibe, Sprecherin für Frauen-und Gleichstellungsfragen Humanistischer Verband Deutschlands

Netzwerk Frauengesundheit Berlin

Unterstützer_innen

  • Dr. Ina Czyborra MdA, Frauenpolitische Sprecherin der Fraktion der SPD
  • Heiko Thomas MdA, Gesundheits- und Haushaltspolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die
    Grünen
  • pro familia Berlin
  • Jörg Steinert, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg
  • Daniela Kühling, Dipl.-Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin und Sexualpädagogin (gsp)

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